Was ist sichtbar und was bleibt unsichtbar? /What is visible and what remains invisible?

“ZIGEUNERFORSCHUNG” IN BERLIN-DAHLEM IM DRITTEN REICH UND DAS SCHWEIGEN DER GELEHRTEN/ “GYPSY RESEARCH” IN BERLIN-DAHLEM DURING THE THIRD REICH AND THE SILENCE OF SCHOLARS

ENGLISH TRANSLATION BELOW

Im Juli 2014 haben Bauarbeiter in der Harnackstraße in Dahlem-Berlin menschliche Knochenteile bei Sanierungsarbeiten von Außenanlagen der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin gefunden. Laut des Zeitungsartikels von Die Welt online, handelte es sich um Fragmente von mindestens 15 Menschen, Erwachsenen und Kindern (Barthélémy 2015). Obwohl die Rechtsmediziner keine genaue Datierung mit dem Standardverfahren in Erfahrung bringen konnten, liegt die Vermutung nahe, dass es menschlichen Knochenteile aus Konzentrationslagern im Dritten Reich waren. In der Nähe des Fundortes liegt das Gebäude, in dem von 1927 bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) untergebracht war. Außerdem existierte die Rassenhygienische Forschungsstelle (RHF) in jenem Bezirk, die Dr. Dr. Robert Ritter seit 1936 leitete.

Als „Eilt! Wichtiges Kriegsmaterial“ war das „Material“ (Blutproben, Organe und Knochen) deklariert, dass Josef Mengele aus Auschwitz an Berlin in das KWI-A entsandte. Der Leiter der Abteilung für menschliche Erblehre Otmar von Verscheure förderte aktiv die medizinischen Experimente an Menschen von Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Otmar von Verschuer erhielt 1943 für neun Forschungsprojekte eine Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) vom Reichsforschungsrat. Sein Assistent Josef Mengele nahm an zwei von ihnen teil („spezifische Eiweißkörper“ und „Augenfarbe“). Die Versetzung J. Mengeles nach Auschwitz als leitender Lagerarzt des „Zigeunerlagers“ unterstützte O. v. Verschuer, damit dieser die „einzigartige Möglichkeit“ für rassenbiologische Forschung ausnutzen konnte (Weingart, Kroll und Bayerns 1988: 421-422).

Im Dezember 2014 wurden die Skelettreste aus dem Fundort Dahlem-Berlin im Routineverfahren im Krematorium Berlin-Ruhleben eingeäschert. “Warum wurden die Überreste möglicher NS-Opfer ohne weitere Nachforschungen eingeäschert?” Die Verantwortlichkeit gab die FU-Leitung an die Max-Planck-Gesellschaft (Rechtsnachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Institute) weiter, diese wiederum leitete sie an die Charité-Leitung weiter. Es herrschten viele Widersprüchlichkeiten und letztendlich sei die FU „davon ausgegangen, dass die Polizei dies der Rechtsmedizin übermittelt hat“ (Kühne 2015). Die Vermeidung von der öffentlichen Aufmerksamkeit und das Einäschern im Routineverfahren können auch als Geste des unter den Teppich kehrens gelesen werden. Sollte hier die Geschichte aufs Neue verdrängt werden?

In diesem historischen Ort, in Berlin-Dahlem, indem die wissenschaftliche Grundlage und Legitimation für die Deportation, Tötung und Zwangssterilisierung von Roma und Sinti geleistet wurden, herrscht eine Verschweigung und Ausblendung der Verfolgungsgeschichte im Dritten Reicht. Das ehemaligen Gebäude des KWI-A gehört dem Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften an. Dort finden weiterhin Lehrveranstaltungen statt. Die kleine Tafel vorm Gebäude, die an die Taten im Dritten Reich erinnern soll und die Rolle der Wissenschaft darin aufgreift, ist keine ausreichende Aufarbeitung der Geschichte und leistet keinen Hinweis auf die “Zigeunerforschung” im Dritten Reich.

Das Areal Thielallee 88-92/ Unter den Eichen 82-84, indem die Rassenhygienische und Bevölkerungsbiologische Forschungsstelle untergebracht war, wird seit Anfang/ Mitte letzten Jahres als ein Flüchtlingsheim genutzt (Siehe Abbildung 9). Vor, Gegenüber oder an der Straßenkreuzung des Areals gibt es keine Markierung oder Hinweis auf die Geschichte des Ortes. Bei der Internet-Recherche entdeckte ich eine kleine Gedenktafel am Haus 3 des Areals, initiiert von zwei ehemaligen Schülern des Wettbewerbs “Deutsche Geschichte”. Bei dem Versuch diese Gedenktafel zu besichtigen, traf ich eine Ansprechperson des Flüchtlingsheims, die mir erklärte, dass sie nur zwei Gebäude auf dem Areal benutzen und der Rest (inklusive Haus 3) nicht öffentlich zugänglich seien. Das gesamte restliche Areal ist leerstehend und wird von einer Sicherheitsfirma bewacht.

Im 19. Jahrhundert wurde Rassismus als wissenschaftliche Lehre an den Universitäten unterrichtet und es war Konsens unter westlichen Intellektuellen und WissenschaftlerInnen. Die rassistischen Theorien gelangten in der Zeit zu ihrem Ansehen. Vor allem im Wissenschaftlichen Kontexten wurde Rassismus verbreitet, gelehrt und veröffentlicht. Das verschaffte ihm “den Anstrich von Legitimität und Ernsthaftigkeit”, also Eigenschaften, “die der Wissenschaft allgemein zugestanden werden” (Vgl. Plumelle-Uribe 2004:131). Der unkritische Umgang mit der “Zigeunerforschung” im Dritten Reich in Berlin-Dahlem, ist ein Symbol für die aktive Verdrängung und Ent_innerung der Geschichte. Ein respektvoller Umgang mit den Toten ist nicht vorhanden, deshalb schließt sich hier die Frage an, ob ein respektvoller Umgang mit den Lebenden überhaupt möglich ist?

In July 2014, construction workers on Harnackstraße in Dahlem, Berlin, found human bone parts during refurbishment work on the outdoor facilities at the Free University of Berlin’s library. According to a Die Welt online newspaper article, these were fragments of at least 15 people – adults and children (Barthélémy 2015). Although forensic scientists were unable to precisely date the remains using standard procedures, it was presumed that the human bone parts were from Third Reich concentration camps: The building in which the Kaiser Wilhelm Institute for Anthropology, Human Heredity Studies and Eugenics (KWIA) was housed from 1927 to 1945 was near the discovery site. Furthermore, the Racial Hygiene Research Centre that was directed by Dr Robert Ritter from 1936 existed in that district.

The “material” (blood tests, organs and bones) sent by Josef Mengele from Auschwitz to the KWIA in Berlin were declared to be “Urgent! Important war material”. The director of the department for Human Heredity Studies, Otmar von Verschuer, actively supported medical experiments on humans by Josef Mengele at the Auschwitz-Birkenau concentration camp. In 1943, Otmar von Verschuer received a grant for nine research projects from the Reich Research Council through the German Research Foundation. His assistant Josef Mengele participated in two of them (“Specific Proteins” and “Eye Colour”). von Verschuer supported the Mengeles’ transfer to Auschwitz as chief camp physician at the “Gypsy camp” so that this “unique opportunity” could be exploited for racial biology research (Weingart, Kroll and Bayertz 1988: 421-422).

In December 2014, the skeletal remains from the Dahlem-Berlin discovery site were cremated at the Berlin-Ruhleben crematorium during a routine procedure. “Why were the remains of possible Nazi victims cremated without further investigations?” The Free University management passed on responsibility to the Max Planck Institute (legal successor to the Kaiser Wilhelm Institute), who in turn passed on responsibility to the Charité management. There were many contradictions and eventually the FU “assumed that the police had conveyed this to the forensic scientists” (Kühne 2015). The avoidance of public attention and the cremation during a routine procedure can also be read as a gesture of sweeping this under the carpet. Should history once more be suppressed?

At this historical place in Berlin-Dahlem, where the scientific groundwork and legitimation for the deportation, killing and forced sterilisation of Roma and Sinti were performed, concealment and suppression of history of Third Reich persecution prevails. The former KWIA building now belongs to the Otto Suhr Institute of Political Science. Lectures continue to take place there. The small plaque in front of the building which serves as a reminder of the crimes of the Third Reich and the role that science played in them is not a sufficient reappraisal of history and makes no reference to the “Gypsy research” done during the Third Reich.

The site at Thielallee 88-92/ Unter den Eichen 82-84, where the Racial Hygiene and Population Biology Research Centre was housed, has been used as refugee housing since the beginning to middle of last year (see image 9). There is no identification or information about the history of the location in front of, opposite or at the street intersection. During internet research, I discovered a small commemorative plaque on the site at House 3, which was initiated by two former students during a German history competition. When I attempted to visit the plaque, I met a spokesperson for the refugee home who informed me that only two buildings on the site were being used and the remaining ones (including House 3) were not publicly assessible. The rest of the site stands empty and is guarded by a security firm.

During the 19th century, racism was taught as a scientific subject at universities and there was consensus among Western intellectuals and scientists. The racist theories were highly regarded at the time. Racism was circulated, taught and published, particularly in scientific contexts. This provided it with “the coating of legitimacy and seriousness”, and therefore the properties “that are generally granted to science” (cf. Plumelle-Uribe 2004:131). The uncritical treatment of “Gypsy research” during the Third Reich in Berlin-Dahlem is a symbol of the active suppression and forgetting of history. The dead are not being treated with respect, which raises the question, of whether it is possible to treat the living with respect?

Translation by Dahne Owers

Quellen/Sources:

Plumelle-Uribe, Rosa Amelia 2004: Weiße Barbarei. Vom Kolonialismus zur Rassenpolitik der Nazis. Zürich: Rotpunktverlag.

Weingart, Peter/ Kroll, Jürgen/ Bayertz, Kurt 1988: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main.

http://www.tagesspiegel.de/wissen/heikler-fund-neue-widersprueche-bei-skelettresten-auf-dem-fu-campus/11333914.html

https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article136284183/War-Josef-Mengele-Absender-des-grausigen-Fundes.html

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s