„Euer Müll ist mein Brot“

SEVGIN (20) HAUST IN BERLINS ERSTER FAVELA
Der Bulgare lebt von dem, was wir wegwerfen. So ernährt er sich und seine Familie, mit der er im Kreuzberger Slum lebt

Von LUCAS NEGRONI und OLAF SELCHOW (Fotos)

SEVGIN (20) AUS BULGARIEN: „Ich lebe von eurem Müll“
SEVGIN (20) AUS BULGARIEN: „Ich lebe von eurem Müll“

Berlin –Mit einer Hand drückt er den Deckel der Mülltonne hoch. Dann beginnt er in den Essensresten zu wühlen, schiebt sie mit bloßen Händen beiseite. Vorsichtig reißt er eine der Abfalltüten auf, durchsucht ihren Inhalt. Wespen und Fliegen surren um ihn herum. Sevgin (20) findet eine noch verschweißte Packung Kekse und legt sie zu den anderen Dingen, die er gleich in den Anhänger seines Fahrrads packen wird.

Weil er weder Arbeit hat, noch Unterstützung vom Amt bekommt – sein Aufenthaltsrecht in Deutschland habe allein den Zweck der Arbeitssuche, heißt das im Amtsdeutsch – lebt Sevgin aus Bulgarien von dem, was wir wegwerfen. So ernährt er sich und seine Familie, mit der er im Slum auf der Cuvrybrache in Berlin-Kreuzberg lebt. Er sagt: „Ich wollte nie so leben.“

Seit rund einem Jahr lebt Sevgin im Slum auf der Cuvrybrache Foto: Olaf Selchow
“Seit rund einem Jahr lebt Sevgin im Slum auf der Cuvrybrache Foto: Olaf Selchow”

Sevgin steht um 8 Uhr auf, seine Frau Kader (20) bereitet ihm das Frühstück, brät Eier, er isst Käse dazu.
Dann steigt er auf sein Fahrrad mit dem Anhänger, fährt über den holprigen Lehmweg der Brache in Richtung Ostbahnhof. Täglich dieselbe Route. Sevgin sagt: „Ich kenne mich in der Stadt nicht aus, ich habe immer Angst, mich zu verfahren.“

An den Mülltonnen im Schatten einer Hochhaussiedlung stoppt er. Die Tonnen sind von einem Gitter umgeben, die Tür ist abgeschlossen. Sevgin legt sich auf den Rücken, krallt die Finger in das Metallgitter, zieht sich durch den schmalen Spalt unter der Tür ins Innere. Jetzt durchsucht er eine Tonne nach der anderen. Der süßlich-modrige Geruch steigt ihm in die Nase, in der Hitze jetzt ist es noch schlimmer, Sevgins Gesicht bleibt ausdruckslos. Ein Bügeleisen im Müll unterbricht die routinierte Suche: Sevgin greift nach der Kneifzange, kappt das Kabel am Schaft und steckt es ein. Das Bügeleisen lässt er im Müll liegen.

In einer Mülltonne findet Sevgin mehrere Leggings Foto: Lucas Negroni
“In einer Mülltonne findet Sevgin mehrere Leggings Foto: Lucas Negroni”

Am Nachmittag wird sein Vater Rushud (39) vor der Holzhütte auf der Brache sitzen.
Umgeben von Hunderten abgeschnittener Stromkabel, die auf kniehohen Haufen verteilt um ihn herum liegen. Mit einem Messer schnitzt er die Kupferstränge aus der Isolierung. Einmal in der Woche liefern er und seine beiden Söhne das Kupfer und das restliche Metall in einer Sammelstelle in Neukölln ab. Für Alu gibt es 60 Cent pro Kilo, für Kupfer 1,70 Euro. Pro Woche bekommen sie 90 Euro zusammen, das muss reichen für die siebenköpfige Familie.

Sevgin findet einen Computer, schraubt ihn auf. Minuten später betritt eine Frau mit zwei Mülltüten den Käfig. Wütend sagt sie zu ihm: „Ich möchte nicht, dass sie in meinem Müll wühlen, das ist Privatsache.“ Sevgin versteht das nicht. Er sagt: „Das ist doch Abfall, und ich lebe davon.“

Einen Computer, den er im Müll entdeckt, schraubt er auf und untersucht ihn nach wertvollen Bestandteilen Foto: Lucas Negroni Lucas Negroni
“Einen Computer, den er im Müll entdeckt, schraubt er auf und untersucht ihn nach wertvollen Bestandteilen Foto: Lucas Negroni Lucas Negroni”

Vater Rushud (39) sitzt vor der Hütte und sortiert Metallteile, die sein Sohn im Müll gefunden hat Foto: Olaf Selchow
“Vater Rushud (39) sitzt vor der Hütte und sortiert Metallteile, die sein Sohn im Müll gefunden hat Foto: Olaf Selchow”

Über 100 Mülltonnen durchsucht Sevgin an einem gewöhnlichen Tag, sieben bis acht Stunden dauert das.
Am Nachmittag fährt er mit dem beladenen Anhänger zurück auf die Cuvrybrache.

Seine Mutter Nurten (38) hilft ihm beim Abladen der Fundstücke: Drei Leggings, eine prall gefüllte Einkaufstüte voller Kabel, zwei Tiefkühlpizzen, eine Jacke, ein Computer, eine Fünf-Liter-Flasche Rotwein. Dann wäscht sich Sevgin in einer Plastikwanne in seiner Hütte. Das Wasser bekommt er vom Hydranten, das er später auf einem Gaskocher erwärmt.

Sevgin packt die Fundstücke aus dem Müll in den Anhänger seines Fahrrads. Nach sieben, acht Stunden ist er voll Foto: Olaf Selchow
“Sevgin packt die Fundstücke aus dem Müll in den Anhänger seines Fahrrads. Nach sieben, acht Stunden ist er voll Foto: Olaf Selchow”

Am Abend versammelt sich die Familie zum Abendessen vor der Hütte der Eltern.
Manchmal spielen sie Musik aus dem Radio, tanzen auf dem staubigen Boden, erinnern sich an die Heimat.

Sevgin sagt: „Ich vermisse meine Freunde zu Hause, vor allem meinen besten Freund Metin. Wir haben immer Fußball und Backgammon gespielt.“ Doch in Bulgarien war das Leben schlimmer als hier auf der Cuvrybrache.

Als türkischer Moslem wurde er diskriminiert, fand keine Arbeit. „Wir haben genauso in schäbigen Hütten wie hier gelebt, draußen am Stadtrand.“

Vor rund zwei Jahren kamen Sevgin und seine Familie nach Deutschland. Am Anfang lebte er mit seiner Frau Kader (20) noch in Wuppertal. Sevgin fand Jobs, legte Fliesen, strich Wände. „Wir hatten eine Wohnung, und ich habe gutes Geld verdient.“

Gemeinsam mit seiner Frau Kader (20) wohnt Sevgin in einer der selbst gebauten Hütten. In Bulgarien war es auch schon so. Das Ehebett haben sie vom Sperrmüll Foto: Olaf Selchow
“Gemeinsam mit seiner Frau Kader (20) wohnt Sevgin in einer der selbst gebauten Hütten. In Bulgarien war es auch schon so. Das Ehebett haben sie vom Sperrmüll Foto: Olaf Selchow”

Als keine Aufträge mehr kamen, kein Geld, zogen sie nach Berlin, wo Sevgins Eltern bereits im Cuvry-Slum lebten. Sein Vater half ihm, ein Haus für ihn und seine Frau zu bauen. In den Müllcontainern von Baustellen fanden sie das Holz und sogar ein Ehebett. Eine Woche lang bauten sie an der neun Quadratmeter großen Hütte. Kader kümmert sich darum, dass es sauber ist. Die Straßenschuhe bleiben draußen.

Sevgin spricht kaum deutsch, er weiß, dass er kaum eine Chance auf richtige Arbeit hat. So wird er auch morgen wieder losfahren, den Müll aus den Tonnen klauben. Und die Blicke spüren. Er sagt: „Für die Menschen auf der Straße sind wir keine normalen Menschen, weil ihr Müll unser Brot ist.“

Übersetzung: Sinan Senyurt
http://www.bild.de/regional/berlin/berlin/er-haust-in-berlins-favela-37176910.bild.html

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