Stellungnahme von Edewa zur Abschaffung des N-Worts

„talk-talk-show für den bla-bla-kampf“*

Das N-Wort wird abgeschafft! Diesen Meilenstein der Schwarzen Geschichte wollen wir, EDEWA, gemeinsam mit den Schwarzen Communities in Deutschland feiern! Wir wollen nicht länger diskutieren, ob das N-Wort aus unserem Wortschatz gestrichen werden soll (oder nicht) und fordern in Solidarität mit den betroffenen Gruppen eine rechtlich verbindliche Vorgabe, die seine Verwendung untersagt.

Die Debatte um das N-Wort wird seit vielen Jahren innerhalb Schwarzer Communities nicht nur in Deutschland, sondern u. a. auch in Frankreich und in den USA geführt und ist alles andere als „neu“.
Es geht hierbei nicht einfach nur um eine harmlose Bezeichnung, sondern um eine rassistische Beleidigung auf der sprachlichen Ebene, das wiederholte Aufrufen rassistischer Bilder auf der kognitiven Ebene und eine Markierung konstruierter Hautfarbe auf der visuellen Ebene. Diese verwobene Vieldimensionalität führt durch die bloße Verwendung des Wortes zur Ausübung von Gewalt, da Sprache, Denken und auch Sehen im konstruktivistischen Sinne Handlungen sind und nicht der strukturalistischen Annahme entsprechend gegenstandslos.

„die links alternative tageszeitung – die sogenannte / braucht z.b. etwa zwei seiten für internationales / im vergleich zu etwa sieben seiten für deutsch-deutsches“*

Die kurz vor seinem Tod getroffene Entscheidung Ottfried Preusslers, das N-Wort und auch die rassifizierte Fremdbezeichnung „Zigeuner“ aus seinem Buch Die kleine Hexe zu streichen, führt jedoch zu einer neuen Debatte und zahlreichen Artikeln in den weißen deutschen Medien, die sich gerne selbst als „links“ bezeichnen. Einzelne Verlage folgen dem Beispiel Preusslers (in Pippi Langstrumpf gibt es nun Südseekönige und keine N-Könige mehr), andere verstricken sich in die medial geführten, weiß dominierten Diskussionen, in denen über Definitionsmacht und Zensur diskutiert wird, ohne darauf zu achten, dass das Definitionsmachtkonzept nicht aussagt, dass dominante Gruppen ihre Macht abgeben, sondern vielmehr deprivilegierte Personen und Personengruppen als Definierende und Wissen(schaffen)de anerkannt werden.

Dieser verdrehte Fokus auf die weiße Position und darauf, ob und wann überwiegend weiße Medien kritisch ihren eigenen Rassismus reflektieren und auf die Verwendung solcher rassistischen Worte verzichten, ist absurd und blendet die Schwarze Perspektive auf deutsche Geschichte systematisch aus. Denn weiße werden nicht gemeint, wenn von N. die Rede ist. Ebenso wenig wird mit dem N-Wort gegen People of Color, die nicht zur Schwarzen Gruppe gehören, Gewalt ausgeübt, weshalb sie in diesem Fall nicht direkt vom Rassismus betroffen sind. Im Gegenteil: Nicht-Schwarze PoCs verhandeln genauso wie weiße diese Thematik „von außen“ und sollten daher in Solidarität zu ihren Schwarzen Verbündeten stehen, welche das Gewaltpotenzial des Begriffs direkt erleben und daher die Verwendung des N-Wortes mehrheitlich ablehnen. Und ebenso wenig wie PoCs auf eine Gruppe reduziert werden können, können die Schwarzen Communities in Deutschland homogenisiert werden – sie sind heterogen und vielfältig, keine einzelne Person kann für alle sprechen. Dennoch herrscht in diesem Kontext Einigkeit.

„zusammen mit aktivistInnen und politikerInnen / mit prominenten und engagierten / diskutieren analysieren debattieren wir“*

Zum traurigen Höhepunkt der Debatte kommt es jedoch auf der Podiumsdiskussion des taz.labs.
Der Titel der Veranstaltung, „Meine Damen und Herren, liebe N-Wörter und Innen!“ lässt bereits vermuten, dass es hier nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung gehen wird, sondern um rassistische Provokation und darum, dass die allseits bewährte Argumentation „Schwarze seien zu empfindlich“ unter Beweis gestellt werden soll. Es geht dabei auch nicht um gut gemeinte Tabubrüche. Vielmehr zeigen der Moderator und einige Podiumsgäste durch das ständige Wiederholen des N-Wortes, dass sie nicht solidarisch mit den Schwarzen Communities sind und auch keinerlei Verantwortung übernehmen wollen, die eigenen sozialen Positionierungen zu überdenken. Es wird deutlich, dass es keinerlei Bestrebungen zur Reflexion des eigenen Handelns gibt, in diesem Fall seitens des Autors/Moderators der Veranstaltung. Auch seine nach der Veranstaltung veröffentlichten Artikel verdeutlichen dies einmal mehr.

Denkbar schlecht ist zudem die Einleitung der taz.lab-Debatte über das Thema Gender, da Genderkonstruktionen auf der Grundlage von rassistischen Kategorisierungen geschaffen werden und nicht umgekehrt. „Wissenschaftliche“ Untersuchungen vermeintlicher „Rassenforscher_innen“ an Schwarzen „Versuchsobjekten“ führen erst zur Herausbildung von biologisierten Geschlechterdifferenzierungen – eine Tatsache, die in den weiß-geprägten Gender Studies gerne „übersehen“ wird. Erneut werden Schwarzes Wissen und Schwarze Geschichte vereinnahmt und als weiß ent_konzeptualisiert. Des Weiteren werden in diesem Kontext (immer wieder gerne) Unterdrückungsverhältnisse universalisiert. So wird Homosexualität als Abweichung von einer pathologisierten weißen Norm oft mit Schwarzsein gleichgesetzt und nicht berücksichtigt, dass es auch Schwarze homosexuelle Menschen gibt oder dass Rassismus und Sexismus für Schwarze Frauen interdependent, d.h. untrennbar miteinander verbundene, spezifische Diskriminierungserfahrungen sind. Misslungen ist auch das Ende der taz.lab-Diskussion mit einem Zitat von Martin Luther King jr., das, wie irrtümlich behauptet, nicht ausschließlich Schwarze US-Geschichte, sondern vielmehr Weltgeschichte ist.

„die >lieben ausländischen mitbürgerInnen< / obwohl oder weil / noch immer ohne bürgerrechte“*

Die Tatsache, dass die taz.lab-Diskussion in einem Eklat endet, die einzige Schwarze Podiumsteilnehmerin sowie zahlreiche Publikumsgäste die Veranstaltung vor Ende verlassen, bietet Anlass die „talk-talk-show für den bla-bla-kampf“* anderenorts fortzuführen. Während beispielsweise in der Heinrich-Böll-Stiftung bei einer weiteren Podiumsdiskussion über den rassistischen Sprachgebrauch in Zeitungen gesprochen und damit wieder die weiße rassistische Erziehung ins Zentrum gerückt wird, kommt es zeitgleich am Oranienplatz in Berlin zu einem rassistischen Mordversuch an einem Schwarzen Aktivisten des Refugee Protest Camps, der im Zuge der Tat als N. beschimpft wird. Hier wird wieder einmal mehr deutlich, dass Diskussionen über Sprachhandlungen zwar wichtig sind, allerdings nicht unmittelbar vor rassistischen Übergriffen schützen, die gesellschaftlicher Alltag für Schwarze Menschen, Roma und weitere People of Color in Deutschland sind.

„und dann – was dann“*

Während dieser Diskussion wird zwar über vergangene Zeiten gesprochen, in denen das N-Wort seine rassistische Bedeutung bekam, dabei wird aber vergessen bzw. gar nicht erst berücksichtigt, dass die Kolonialität dieser vergangenen Zeiten bis heute wirkmächtig ist und dass Deutsche nicht ausschließlich weiß sind. Vielmehr wird der historische Kontext völlig außer Acht gelassen: Die Definition des weißen Deutschen und dessen, wer sich als deutsch bezeichnen darf, entstammt den sogenannten „Mischehegesetzen“ der ehemaligen deutschen Kolonie Südwestafrika, wo auch die menschenverachtende „Residenzpflicht“ seine zweifelhafte Legitimation fand. Die neokolonialen Politiken Deutschlands in Deutschland und auf dem afrikanischen Kontinent in der heutigen Zeit finden in der Diskussion nicht ihren berechtigten Platz. Es wird ent_erwähnt, wo und wann die Ursprünge des Rassismus von heute geschaffen wurden, dass Imperialismus auf Versklavung und Kolonialismus beruht. Wo wäre Europa heute ohne Afrika?

EDEWA fragt nach dem Sinn derartiger Veranstaltungen, denn es gibt bereits umfassendes Material zur N-Wort-Debatte von Schwarzen Autor_innen und Schwarzen Wissenschaftler_innen, zur Bedeutung rassistischer Fremdbezeichnungen und zu gewalttätigen Stereotypen, dem dringend Beachtung geschenkt werden sollte. Statt diesen Quellen Aufmerksamkeit zu geben, wird der Protest gegen rassistische Äußerungen, sei es im taz.lab oder bei anderen Gelegenheiten, skandalisiert und damit die Protestierenden zu Täter_innen gemacht. Diese Täter_innen-Opfer-Umkehr wird im Handeln des Moderators besonders deutlich, wenn er sich selbst als Person of Color komplizenhaft in die rassistische Struktur Deutschlands einreiht und im selben Atemzug die intervenierenden Publikumsmitglieder als Störenfriede hinstellt.

„die forderungen / werden sauber / aufgelistet / die listen / werden sauber / abgeheftet“*

Die gleiche Debatte um Sinnhaftig- oder Sinnlosigkeit wird in Bezug auf Critical Whiteness geführt – als hätten weiße Menschen das alleinige Entscheidungsrecht darüber, was rassistisch ist und wer durch die Verwendung von rassistischen Fremdbezeichnungen verletzt wird bzw. werden kann.
Doch woher kommt Critical Whiteness überhaupt? Und für wen ist sie relevant?
Ursprünglich ging Critical Whiteness aus dem aktiven Widerstand Schwarzer Menschen gegen Versklavung und Unterdrückung hervor. Dafür brauchte es keine Erlaubnis von weißen Menschen und daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Gleiche gilt für die Abschaffung des N-Wortes.
Abgesehen von der Besetzung der Moderatorenrolle mit einer nicht-Schwarzen Person of Color macht es wenig Sinn, eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema mit PoC zu besetzen, die nicht den Schwarzen Communities angehören, um über die rassistische Fremdbezeichnung Schwarzer Menschen zu diskutieren.

„die show ist aus / wir gehen nach haus“*

Wie das Beispiel der taz.lab-Veranstaltung zeigt, bedeutet eine nicht-weiße Positionierung nicht automatisch antirassistisches Handeln. Auch PoC, die in weißen Räumen sozialisiert wurden, müssen ihre dadurch erlangten rassistischen Denkmuster reflektieren. Das Gleiche gilt für Schwarze Menschen, die genauso wenig alleine durch ihr Schwarzsein zu Antirassismusexpert_innen werden. Daher ist Critical Whiteness mitnichten nur für weiße Menschen, sondern genauso für Schwarze, Roma und weitere PoC relevant. Der Fokus sollte jedoch auf alle sozialen Positionierungen gerichtet sein und nicht nur auf die weiße, denn die einzelnen Perspektiven sind zwar sehr unterschiedliche, stehen aber in Abhängigkeit zueinander.

Critical Whiteness sollte ebenso in und von der Medienwelt beachtet werden.
Es ist offensichtlich, dass es nicht ausreicht, sich selbst oder eine Zeitung als „links“ zu verkaufen und trotzdem weiter unhinterfragt Rassismus zu re_produzieren, wie es nicht nur die taz, sondern auch die jungle world nach dem Besuch unserer Ausstellung tat. Das ursächliche Problem hierbei sind jedoch nicht einzelne Personen oder Medien, es ist vielmehr ein strukturelles, denn Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem und geht uns alle an. Um dem zu entgegnen, müssen Journalist_innen ihren selbst gesetzten Standards gerecht werden und diese gegebenenfalls verändern oder erweitern.

Es ist im Übrigen nicht die Aufgabe von Schwarzen, Roma und weiteren PoCs, auf die weißen Mainstream-Medien zuzugehen, sondern umgekehrt. Autor_innen und Organisator_innen von vergleichbaren Veranstaltungen sollten aufmerksamer recherchieren, das widerständige Wissen, das seit Langem existiert, nutzen und sich May Ayims Worte zu Herzen nehmen:

„zu besonderen anlässen / und bei besonderen ereignissen / aber besonders / kurz vor / und kurz nach den wahlen / sind wir wieder gefragt / werden wir wieder wahrgenommen / werden wir plötzlich angesprochen / werden wir endlich einbezogen / sind wir auf einmal unentbehrlich / werden wir sogar / eingeflogen / auf eure einladung versteht sich“*.

Egal also, was „geredet“ wird – EDEWA feiert in Solidarität mit den Schwarzen Communities, dass das N-Wort aus deutschen Kinderbüchern gestrichen wird. Wer feiert mit?

* zitiert aus May Ayim, „gegen leberwurstgrau – für eine bunte republik. talk-talk-show für den bla-bla-kampf in: blues in schwarz weiß. Gedichte; S.62 ff. 4. Aufl. Berlin: Orlanda Verlag. 2005.
www.edewa.info

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